In westlichen Leitmedien wie dem „The Guardian“ oder der „New York Times“ und wie man lesen kann, selbst abseits der offiziellen Debatten in Davos beginnen diejenigen, die die Politik des „kollektiven Westens“ tatsächlich vorgeben, über die Folgen ihrer Handlungen gegen Russland und in der Ukraine nachzudenken. Dort wachsen zarte Pflänzchen der Erkenntnis, was „man“ tatsächlich in seinem totalen hybriden Krieg gegen Russland angerichtet hat. Erneut reift die Schlussfolgerung, dass es wieder einmal keine gute Idee war, erst zu schießen und dann nachzudenken.

Zum aktuellen Showdown des Westens gegen Russland gehört ja eine sehr breite Palette gewaltsamer Mittel der Politik. Daher rührt ja die Formel des russischen Außenministers Lawrow vom „totalen hybriden Krieg gegen Russland“. Instrumente und Methoden des Wirtschafts- und Finanzkriegs gehören seit vielen Jahren dazu. In großem Maßstab wurden sie schon in der ersten Sanktionsrunde, die 2014 nach dem Beitritt der Krim zu Russland von Victoria Nuland gegen Russland eingesetzt. Sie erreichten zwar schon damals eher das Gegenteil der ursprünglichen Absicht; dennoch setzte nach dem 24. Februar 2022 eine regelrechte Sanktionsorgie gegen Russland (und Weißrussland) nach dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine ein. Immer wieder das Gleiche zu versuchen und dabei zu hoffen, dass dabei irgendwann etwas Anderes herauskommen würde, definierte Albert Einstein mal als Dummheit. Man könnte es auch Lernunfähigkeit nennen.

Für beide Seiten ist diese Art der Kriegführung nicht schmerzfrei, aber um Schmerzen geht es auch nicht. Das ist ein Propagandaausdruck. Es geht um die volkswirtschaftlichen/makroökonomischen und sozialen Folgen der westlichen wirtschafts- und finanzpolitischen Kriegführung gegen Russland. Je länger der Krieg des Westens gegen Russland und sein bewaffneter Schauplatz in der Ukraine dauern, um so sichtbarer werden die Folgen für beide Seiten. Das betrifft neben den Folgen im Inneren der kriegführenden Länder auch die globalen Folgen sowohl für die bisherigen Kooperationsketten als auch für die Notwendigkeit, die internationale Kooperation schnellstmöglich und tiefgreifend neu aufzubauen. Die Welt zerfällt nach 30 Jahren sogenannter Globalisierung erneut in zwei bis drei wirtschaftspolitische Mega-Blöcke. Dafür müssen zügig neue Strukturen und Methoden des Verkehrs zwischen den Ländern und Staaten her.

Betrachtet man nur mal die russische Seite, so erledigt der Westen erneut und mit gewaltigem Aufwand und Kosten, die Arbeit, vor der sich große Teile der russischen Eliten aus kurzsichtigen Eigeninteressen, „typisch russischer“ Bequemlichkeit oder Großmäuligkeit und sonstigen Gründen gedrückt hat. Nun werden alle Versäumnisse, alle Großspurigkeit und alle Handlungen zur Fortsetzung der Ausplünderung Russlands durch russische Großunternehmer und ihrer politischen Handlanger in den letzten Jahren offen sichtbar. Das ist nun mal schon immer eine der vielen Folgen von Kriegen. In Russland hat der lange überfällige, erneute Elitenaustausch begonnen. Wie zu erwarten, voller Widersprüche und nicht ohne Gegenwehr der alten Eliten, aber er läuft und je länger der Westen seinen Krieg (mit allen Instrumenten und Methoden der hybriden Kriegführung) gegen Russland fortsetzt, umso umfassender und konsequenter erfolgt der Elitenaustausch in Russland. Das Land hat keine andere Wahl – ohne diesen Prozess wird es zerfallen und untergehen. Für Russland geht dieser totale hybride Krieg nicht um Sieg oder Niederlage. Es geht um seine Existenz, sein Überleben als Nation und als Zivilisation.

„Putziger Weise“ beraubt sich der Westen mit seiner Kriegführung per nummerierter Sanktionspakete selbst immer konsequenter vieler, seit 30 Jahren so gut funktionierender Instrumente der massiven Einflussnahme auf innerrussische Prozesse. Die USA, um nur ein Beispiel zu nennen, schlossen Russland von SWIFT aus und verloren dadurch gigantische Informationsquellen, die aus der Registrierung jeder Finanztransaktion innerhalb und nach außerhalb Russland resultierte. Nun stellt der Westen fest, dass SWIFT zwar ein „nice-to-have“ Instrument ist, dass es aber auch anders geht. Russland und viele andere Länder nutzen neue Instrumente und Methoden für ihren Finanz- und Handelsverkehr. Mit dem aktuellen Verbot der Arbeit von PriceWaterhouseCooper, KPMG und aller anderen „Beraterstrukturen“ des Westens in Russland, fehlen nicht nur Informationsquellen, sondern auch die bisherigen Einflussmöglichkeiten. Nun haben diejenigen in Russland, die schon seit Langem den Braten rochen, was diese Management- und Politikberater in Russland tatsächlich trieben, erheblich weniger Widerstand zu überwinden. Gut für Russland – nur das ist ja nicht der Zweck westlicher Sanktionen. So heißt es jedenfalls.

Russland baut nun, weil es gar nicht anders kann, beschleunigt jene Industrien aus, zu denen ihm der Zugang im Westen abgeschnitten wurde. Das sind in dieser Sanktionsphase fast alles High-Tech-Bereiche wie Luft- und Raumfahrt, Schiffbau, IT und analoge Zweige und, und, und…. Nach der 1. Sanktionsrunde ab 2014 hat Russland zwar Pläne für viele Industriezweige erstellt, aber sooo dringend schien das dann doch nicht zu sein. Man verlor viel Zeit und trägt heute die Konsequenzen.

Weil Russland heutzutage dann doch sehr schnell handeln muss, wird es künftig kaum eine Rückkehr zum status-quo-ante geben. Die einflussreichen Vertreter der neuen russischen Industrien werden ihre Marktpositionen, so wie das üblich ist, hart verteidigen, nachdem sie diese erstmal erobert haben. In den kommenden anderthalb bis drei Jahren – je nach Industriezweig und Umfang der Aufholarbeit – wird Russland nicht schwächer, sondern auf modernster Basis gestärkt dastehen. Und wenn das Vertrauen in die Vertragstreue westlicher Partner einmal weg ist, wird es noch länger dauern, da wieder etwas an Zusammenarbeit aufzubauen.

Belorussland (und andere ehemalige Mitglieder der 1991 zerfallenen Union) profitiert ebenfalls. Belorussland muss seine vielen hochgebildeten Fachleute nicht mehr in den Westen ziehen lassen, weil es im Lande keine Arbeit für sie gab. Sowohl in Belorussland als auch im großen Russland ist mehr als genug Arbeit vorhanden. Das gilt im Übrigen auch für russische Fachleute, die zuhause keine Arbeit fanden, für die sie ausgebildet waren. Heute ist die Zeit für wirklich perspektivreiche Karrieren.

Der Westen beschleunigt mit seinen Sanktionsorgien in erheblichem Maße die wirtschaftliche, finanzpolitische, wissenschaftliche und in Folge auch die politische Integration etlicher ehemaliger Mitglieder der untergegangenen Union. So kann man es auch machen, nur entspricht das so gar nicht den erklärten Zielen des kollektiven Westens. Warum also tut er das dann trotzdem? Dieser Widerspruch beginnt einigen westlichen Vordenkern und Entscheidern langsam zu dämmern. Zumal sie mit ihrer unsinnigen Politik nicht nur Russland den angestrebten Schaden nicht zu fügen. Sie schaden sich selbst in einem unerhörten Maße in so ziemlich jeder Richtung.

Nur zur Klarstellung: die westliche Politik stellt Russland durchaus vor Probleme und zwingt die Führung des Landes letztlich zu einem streng an den eigenen Interessen ausgerichteten Umbau in Wirtschaft und Politik. DAS ist aber nicht das Ziel des Westens. Wie die deutsche Außenministerin formulierte, soll Russland ein vernichtender Schaden zugefügt werden. Der militärische Terminus dafür lautet: Vernichtungskrieg.

Nur eine Bemerkung (von vielen weiteren möglichen) zur Ukraine. Die Territorien, Menschen und wirtschaftlichen (landwirtschaftlichen, Rohstoffe) Potentiale dieser riesigen Fläche werden künftig in erster Linie dem Potential und der Macht Russlands zu Gute kommen. Ganz gleich, wie der territoriale Ausgang dieses Krieges sein wird. Die Gewichte werden sich auf dem europäischen und eurasischen Kontinent massiv verschieben. Auch dies zeigt, die Realitätsferne und Kurzsichtigkeit westlicher Sanktionspolitik. Wenn DAS ein wesentliches Instrument hybrider Kriege sein soll, dann sollte allen Anwendern künftig klar sein, dass sie diesen Sprengstoffgürtel am eigenen Leib tragen. Noch scheint dieses Bewusstsein Mangelware zu sein.

Natürlich ist jeder künftige Wiederaufbau und Umbau einer Wirtschaft, auch der in der Ukraine und der in Russland, schwierig. Es gibt dabei stets viele Gewinner und etliche Verlierer. Nur, in der Marktwirtschaft dominiert ja nicht der Jammer um die Kosten, sondern die Erwartung riesiger Umsätze und Gewinne. Und eben auch die für die Menschen so wichtige Hoffnung, für sich ein neues und gutes Leben aufzubauen. Das mag aktuell seltsam klingen, aber diese Hoffnung war es doch, die auch den Menschen im zerstörten Europa nach dem letzten großen Krieg Kraft und Zuversicht gab. Auch hier in Deutschland.

Die begonnenen und die noch zu erwartenden Gewichtsverschiebungen zwischen den Staaten dieser Welt werden auch im Westen denen immer stärker bewusst, die noch nüchtern denken und schlussfolgern. Bisher sind sie noch nicht tonangebend, aber sie sind da und werden lauter. Der Krieg in der Ukraine wird irgendwann zu Ende sein. Wer ohne Plan für den Frieden danach bleibt, wird ziemlich dumm dastehen.

Vorerst sieht es zwar eher nach weiteren Eskalationsstufen im Krieg in der Ukraine aus, aber auch sie werden nichts Anderes produzieren, als ein Ende dieses Krieges. Je länger der dauert, umso schlechter sieht es dabei für die langfristigen Folgen für den Westen aus. 

Diese Erkenntnisse werden sich sicher irgendwann auch in Deutschland Bahn brechen. Dieses Land hatte ja in den vergangenen über 200 Jahren so eine gewisse Tendenz „zu spät zu kommen“. Man könnte daraus lernen – wir werden sehen.

Lutz Vogt, 04.06.22

Von Redaktion

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