Wir für KW. e.V.

Einer gegen die Demokratie

Lennart Laberenz

Erstdruck –der freitag- /20. August 2020 / Abdruck mit freundlicher Genehmigung

Vielleicht ist die Demokratie auf so jemanden nicht vorbereitet.“ Der Satz zielt auf den Bürgermeister der brandenburgischen Stadt Königs Wusterhausen, er fällt sogar mehrfach, quer durch das politische Spektrum. Ein Landrat zögert nach den schweren Worten, schaut vor sich auf die Tischplatte. Hinter ihm Aktenordner mit Eingaben, Mails, viele in harschem Ton. Ein ehemaliger Mitstreiter des Bürgermeisters, der von sich selbst sagt, konservativ zu sein, blickt in seiner Büro-Sitzgarnitur eher in sich hinein als auf seinen Gesprächspartner. Ein Sozialdemokrat schaut aus dem Fenster und aufs Wasser, ein Altlinker weist auf die Geschichte der Weimarer Republik. Zwei Christdemokraten atmen laut aus, legen die Hände auf das dunkle Holz ihres Konferenztisches.

Hinter diesem Satz steht ein Konflikt, eine Art der Auseinandersetzung, die in der deutschen Kommunalpolitik immer öfter zu beobachten ist. Es geht um die Grammatik des Rechtspopulismus, der vor allem in Ostdeutschland auf fruchtbaren Boden zu fallen scheint. Ein frontaler Angriff auf Strukturen, eine Politik der Zerstörung in einem Raum, in dem sich alle oft seit vielen Jahren kennen. Hier verbirgt sich ein gewaltiger Hallraum, darin brodelnde Gerüchte, hilflose Gesten. Es geht um Einschüchterung, um Überforderung und Überschwemmung der Amtswege. Reichsbürger, Rechthaber gehen so vor, weil sie Fehler provozieren, nachweisen wollen, dass sie stärker als „das System“ sind. In Königs Wusterhausen ist die Wusterhausen über Vorgesetzte und „Machenschaften“. Der Orgelton ist, dass andere ihn und seine Arbeit behindert hätten, oder, dass es Mächte gäbe, die sich in die eigene Tasche wirtschafteten – bis eben er, Swen Ennullat, kam. Whistleblowing kann auch so funktionieren: als Portrait eines rechtschaffenen Kämpfers im verdorbenen System. Gerichtsprozesse und Ermittlungen, die Ennullat mit Eingaben, Belegen, Berechnungen vortrug, wurden eingestellt, ergaben wenig bis nichts. Ennullat wechselte danach die Arbeitsstelle.

Es geht um Freund oder Feind

Die Stadt Königs Wusterhausen, die immer schon alle KW nennen, liegt im Speckgürtel Berlins, ihr geht es prima. Wenn der neue Berliner Flughafen eröffnet, kann es sogar noch besser werden. KW hat eine komplexe DDR-Geschichte, Grenztruppen waren hier stationiert, die Staatssicherheit hatte angeblich rund 500 inoffizielle Mitarbeiter, das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten ein Schulinternat, viele Kader eine Datsche. Im Rathaus regierte seit 1990 die SPD, einmal war ein Bürgermeister der Linken dran. Man kann denken, dass an all dies wenig frische Luft gekommen ist. Swen Ennullat stellte sich gern als großer Lüfter dar.

Auseinandersetzung ein Abnutzungskampf geworden, und sie macht sich an Personen fest: Bürgermeister Swen Ennullat, geboren 1976, drei Söhne, gewesener Polizeibeamter, kurzzeitig beim Staatschutz in Berlin. In seinem Wikipedia-Eintrag steht, er sei „deutscher Kommunalpolitiker, Krimiautor und Whistleblower“.

Mit der Whistleblower-Medaille schmückt sich Ennullat gern. Wenn man recherchiert, findet man eher Aufmerksamkeit für den, der hineinblies, weniger für den Gegen- stand. Ennullat beschwerte sich erst als Polizist, dann als Fachbereichsleiter in Königs.

Vor zweieinhalb Jahren hat der Reporter den damaligen Kandidaten zur Bürgermeisterschaftswahl 2017 bei mehreren Gelegenheiten besucht und begleitet – länglich erklärte Ennullat, was in seinem Blick auf Politik einen festen Platz hat: die Verschwörung der Anderen. „Die Unzufriedenheit“, sagt er während seiner Wahlkampagne, „ist riesengroß. Überall bilden sich Bürgerinitiativen gegen Stillstand und Misswirtschaft.“ Erzählt von Insiderwissen um Grundstücksgeschäfte, von Posten, die Vertrauten zugeschoben würden, von einer Art Geiselhaft, in der sich die Stadt befinde. Belegt keines dieser Gerüchte. Doch sie
sind die kleine Münze auch der Lokalpolitik: Der rechte Populismus geht
Menschen direkt an, ihre an- gebliche Verderbtheit, ihre verschlagenen Interessen. Werkzeuge aus dem politischen Baukasten von Donald Trump, Björn Höcke, Andreas Kalbitz, aufgeladen mit Lokalkolorit: Es geht um Freund oder Feind, darum, den Gegner zu diskreditieren. Ennullat und seine Frau verabschieden nach geselligen Runden Menschen schon mal so: „Denk daran, wir sind die Guten.“

In KW kann man die politische Grammatik auf dem Millimeterpapier beobachten. Sie mischt Bilder aus der DDR-Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Frau des Bürgermeisters redet von der „Einheitsfront“ der Parteien. Kleineres Besteck gibt es nicht. Vermutlich arglose Zuschauer der Stadtver- ordnetensitzungen benutzen den AfD-Begriff „Altparteien“. Der Geschäftsführer eines Lokalradios erzählt über den Landrat, dass der „bei der Stasi“ gewesen sei, als wäre damit alles erklärt. Wo es um Kirchturmspolitik gehen soll, um Einbahnstraßen, Müllabfuhr und Sportvereine, herrscht Misstrauen und Missgunst. Im Internet beschimpft sich alles heftig.

Swen Ennullat wurde 2017 als Kandidat der Freien Wähler zum Bürgermeister gewählt, den Zusammenschluss gründeten andere, organisierten ihm die Basis. Manchen, die mitmachten, ging es ums ruppige

Klima in Kindergärten, um die Senkung von Gebühren. Das Wahlprogramm der Freien Wähler hat den weichen Klang von Fahrstuhlmusik, Senioren-Familien-Jugendliche- Wirtschaft- Verkehr: Alles wichtig, alles soll besser werden. Ennullat, sagt einer, sei es wichtig gewesen, die Mitgliedsnummer 1 zu bekommen. Zu seiner Wahl gratulierten der Kreisverband der AfD, Andreas Kalbitz, einige Bundestagsabgeordnete. Sie beglückwünschten den „Mut zu einem politischen Wechsel“.

In immer mehr Kommunen spielen die Freien Wähler eine Rolle,stellen Bürgermeister. Als Verein organisiert, müssen sie Spenden nicht veröffentlichen. Oft vertreten sie Interessen von

Grundstücksbesitzern. Von Menschen, die sich in den Milieus etablierter Parteien nicht wiederfinden, die explizit Politik abseits und gegen Parteien mit einem bundespolitischen Profil machen wollen. Viele ihrer Mitglieder sind über fünfzig Jahre alt, stammen aus der Mittelschicht. Mehr als ein Drittel sind Beamte oder Angestellte im öffentlichen Dienst. Ihr „sachpolitischer Pragmatismus“, analysierten Politikwissenschaftler von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, könne als „Anti-Parteien- Rhetorik Ausdruck einer distanzierten oder sogar feindlichen Haltung gegenüber pluralistischen Demokratieprinzipien sein und sich in einer grundsätzlichen Ablehnung der Parteiendemokratie äußern.“

Swen Ennullat wurde im Wahlkampf auch von Dirk Thümmler unterstützt, den viele in der Stadt als „Reichsbürger“ kennen. Für ein Foto mit Ennullat noch immer auf der WahlkampfInternetseite – verbarg sich Thümmler unter Mütze und Haarteil. Thümmler vermietete unter anderem eine Brachfläche an das Sat-1-Reality- Format Newtopia. Das Projekt scheiterte, er ging pleite. Anfang April 2018 gelang es Ennullat nicht, aus Thümmlers Konkursmasse ein Grundstück für 1,2 Millionen Euro von der Stadt kaufen zu lassen. Den Stadtverordneten, die bislang den allermeisten Vorlagen des

Bürgermeisters gefolgt waren, schmeckte der Vorgang zu sehr nach Günstlingswirtschaft. Dann eröffnet der Generalbundesanwalt gegen Thümmler und andere ein Verfahren nach Paragraph 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung: Rechtsterrorismus. Thümmler ist untergetaucht.

Bevor er zu den Freien Wählern kam, hatte Ennullat bei Vereinen und politischen Vereinigungen vorbeigeschaut. Er wollte Bürgermeister werden, suchte eine Plattform. Bei einem Treffen mit Organisatoren einer Liste erzählte er, dass die AfD seine Kandidatur mit 30.000 Euro unterstützen würde – mehr Budget als Volksparteien in Städten vergleichbarer Größe zur Verfügung haben. Wichtigste Figur der AfD damals in KW: Andreas Kalbitz. Die Liste, an die Ennullat sich wendete, hatte ein linkes Profil. Vier Jahre später erzählt einer ihrer Kandidaten, das Szenario, das Ennullat ihnen entwarf, empfanden sie als „absolut ernstgemeint“. Öffentlich schloss Ennullat eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. Auf dem Weg zu einer Wahlkampf- Veranstaltung an einem regnerischen Herbsttag 2017 will er sich darstellen. Eigentlich sei er ein Linker, allerdings im Jahr davor aus der CDU ausgeschieden. Parteimitglieder fassen zusammen, dass er überraschend Ansprüche an Posten gestellt hatte, und ging, als er nicht zum Zug kam. „Mir geht es um Solidarität und Gemeinschaft,“ erzählt er im Auto, „und christliche Werte.“ Vielleicht merkt Ennullat, dass er unscharf klingt, erzählt also, dass er eigentlich Merkel-Fan war. Dann der klassische Ausfallschritt der Konservativen mit Blick auf 2015: „Als die Grenzen aufgingen, habe ich mich gefragt, was dieses Land regiert – ist das noch Ge- setz und Ordnung?“ Ennullat lenkt um einen Kreisverkehr und wenn man ihm kurz darlegt, dass er als Recht-und-Ordnung- Mann wissen könnte, dass die Grenzen nicht aufgegangen, sondern offen waren, dass es europäische Vertragswerke gab, an die sich die Kanzlerin hielt und seine Darstellungen arg in der Nähe rechter AfD-Propaganda siedele, ist es einen Moment still im Wagen. Dann sagt er: „Ach so.“

Zweieinhalb Jahre später greift Ennullat zu einem Mikrofon, nicht alles ist gut zu verstehen, aber dieses schon: „Ausdrücklich.“ Ratssitzung in der Sporthalle, Mikro- fonanlage, Abstandsregeln. Der Bürgermeister spricht mit Mikrofon direkt vor dem Mundschutz: „Ich begrüße den Antrag ausdrücklich.“ Hat der Antrag Erfolg, ist die Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von Königs Wusterhausen wegen „Be- fangenheit“ abgewählt. Eingereicht wurde das Begehr von der AfD-Fraktion, sie meint, die Vorsitzende würde AfD und Bürgermeister benachteiligen. Eine satte Mehrheit weist den Antrag zurück. Die Vorsitzende ist CDU-Stadtverordnete.

Wenn man die fragt, die mit Ennullat in der Verordnetenversammlung arbeiten müssen, sagen sie, dass er mit aller Unbedingtheit Recht haben will. Sie rätseln über „gekränkte Eitelkeit und Narzissmus“. Ein Kommunalpolitiker, der ihn lange kennt, sagt, dass der Bürgermeister Macht spüren wolle. Das habe ihn schon als Polizist fasziniert. Eine andere bemerkt, dass er den Kampf an allen Fronten suche, die

Idee von Kompromissen sei ihm fremd. Das Prinzip der Politik, das Verhandeln von Interessen- gegensätzen lehne er ab. Weil er es grundsätzlich als feindlich wahrnehme.

Als man ihn zu all dem befragen,
über sein Verhältnis zur AfD, zu Filz
und Mauschelei und
gerichtsnotorischen Auseinan- dersetzungen in der Stadt sprechen will, sitzt Swen Ennullat an einem sonnigen Maitag vor einer Veranstaltung auf seinem Stuhl und strahlt die Herzlichkeit von Winterregen aus. Er könne keine Auskünfte geben: „Ich bin Verwaltungsbeamter, ich habe eine Verschwiegenheitspflicht“. Bietet an, die Stadtchronik zu schicken In der Versammlung stimmt der Bürger- meister bei den allermeisten Vorhaben mit der AfD und kassiert Niederlagen. Bei seinen Freunden auf den Zuschauerrängen ist die Niederlage ein Beweis der Verschwörung. Dabei ist sein politischer Kurs nicht unbedingt eindeutig. Allerdings hat er den Vertrag der Integrationsbeauftragten – über die Parteigrenzen gelobt und von der Stadtverordnetenversammlung zur Weiterbeschäftigung empfohlen – nicht verlängert, ihre Stelle in der Verwaltung aufgeteilt. Als in KW vor der Landtagswahl 2019 eine große Demonstration gegen rechts auf die Straße ging, hatte er andere Termine.

Ein Aspekt aus dem Interview von vor zweieinhalb Jahren hat heute eine andere Färbung: „Es geht um Macht,“ sagt der damalige Kandidat Ennullat. „So eine Stadt zu haben, heißt Zugang zu Gesellschaften zu haben, Zugang zu Aufsichtsräten, Zugang zu Grundstücksgeschäften, Zugang zu Bauvorhaben.“ Ennullat meint damit nicht den politischen Prozess, der eine Stadt entwickeln will, sondern wittert Selbstbereicherung. Dieser Verdacht spannt eine Brücke zwischen Freien Wählern und rechter Politik. Beide Gruppen glauben sich von dunken Interessen übervorteilt. Seine persönli- chen Interessen überraschen einige, die mit ihm in die Politik gingen. Er hat den Athletic Club gegründet, um das Leichtathletik-Stadionfest wiederzubeleben. Als Vereinssitz ist sein Wohnort eingetragen. Mit so einem Club, hatte er einem Mitstreiter vorge- schwärmt, käme man an Sponsoren, hätte Zugang zu großen Firmen. Der

CO2-Verbrauch, Verkehr, Müll, Strom, Kindertagesstätten und vielem mehr. Es geht um bis zu 4.500 Wohnungen, darunter viele speziell für Studierende, Senioren und Familien. Solche, deren Mieten zwischen acht und 12,50 Euro pro Quadratmeter liegen sollen.

Die Idee hatten Senol Ince und Dogu Yilmaz, sie erzählen davon an einem Nachmittag, der schon Regen ankündigt. Ihre Firma Solwo holte für den ersten Bauabschnitt die erfahrene Berliner Gewobag ins Boot. Für den gewerblichen Teil mussten noch Bebauungspläne geändert werden. Dann kommt Swen Ennullat ins Amt. Ince und Yilmaz rennen plötzlich gegen Wände. Es wird still um den Königspark: Die Unternehmer, die Millionen Euro Grunderwerbssteuer in KW bezahlten, den Volleyball- Bundesligisten Netzhoppers als Namenssponsoren unterstützten, wundern sich, dass sie plötzlich ignoriert werden. Einer, der für die beiden bei Ennullat nachfragt, stellt fest: „Der Bürgermeister hat im Gespräch sehr klar gesagt, dass der Königspark so mit ihm nicht zu machen ist.“

Die Dinge werden schwierig, ziehen sich: Die Unternehmer stellen fest, dass Papiere, die normalerweise von Amtsleitern unterschrieben werden, nun wochenlang beim Bürgermeister auf dem Schreibtisch liegen. Zu

öffentlichen Anhörungen kommen Claqueure, die mit wilden Bedenken hantieren. Die Stadt scheint ein Vorkaufsrecht ausüben zu wollen, es geht um Straßen, abseitige Teilflächen, immer weitere Verzögerungen, Ince und Yilmaz haben den Eindruck, dass alles darauf abzielte, ihnen finanziell zu schaden, sie zum Aufgeben zu zwingen. Ince, der seit 50 Jahren in Berlin lebt, ein weites Netzwerk hat, geht sogar zu einem AfD-Empfang, um mit Kalbitz über Ennullat zu sprechen: vergeblich.

„Überfremdung“, sagt der Ince-Emissär, dem Ennullat sehr deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er von ökologischem und günstigem Wohnraum nichts wissen will: „Der Bürgermeister wurde von Menschen gewählt, die wenig von Ortsfremden und Leuten mit anderen Ansichten halten.“ Ein Quartier mit so vielen Wohnungen würde die politische Situation im Ort verändern, ein reines Gewerbegebiet kaum. Wenn man ihn fragt, was eine Stadt wie KW mit zwei Gewerbegebieten von jeweils etwa 40 Hektar machen will, lacht er hell auf.

Bürgermeister sei vom glitzernden Geld beeindruckt

gewesen, sagt der ehemalige Mitstreiter: Stadionfeste, Erlebnisparks, hätte er mit leuchtenden Augen ausgerufen, „damit machen wir uns die Taschen voll“. Neuer Wohnraum? Nein danke! Der ehemalige Mitstreiter erzählt heftige Geschichten, weshalb sich ein Blick auf Kernpunkte der Lokalpolitik lohnt: Infrastruktur, Wohnen, Wirtschaften. Berlin drückt ins Umland, in Städten wie KW fehlen Wohnungen, Kindergärten, Schulen, aber auch Gewerbeflächen. Praktisch, dass KW einerseits am Funkerberg eine große Fläche besitzt, praktisch auch, dass außerdem der „Königspark“ entstehen soll: Die 430.000 Quadratmeter waren ursprünglich für Gewerbe gedacht, dann wandelten sich die Pläne, Mischbebauung wurde interessanter, eine Modellsiedlung, umweltfreundlich, mit Konzepten zu

Und: Wegbereiter für das Projekt Königspark war Ennullats Vorgänger. Der hatte Ince zu dem Projekt ermuntert. Swen Ennullat hat also ein gewaltiges Projekt, eine öko- logische Modellstadt, von den Sozialdemokraten geerbt. Von dem Mann, gegen den er heftige Anschuldigungen ritt, den er mehr- mals verklagte, dem er „Misswirtschaft“ vorwarf. Irgendwann hat sich Ince gefragt: „Verzögert der Bürgermeister das Projekt, weil ihm meine Hautfarbe nicht passt?“

Tatsächlich: An Ince, sagt einer, der mit dem Bürgermeister eng war, „hat der nie ein gutes Haar gelassen.“ Der Mann springt zum The- ma Clankriminalität, offensichtlich eine Assoziation, die sie damals hatten. Ennullat habe ihm gesagt, dass er sich bedroht gefühlt habe: „Ince war für den Dreck.“

Unterdessen nimmt Ennullat den Kampf gegen weitere Ebenen auf. Immer mit demselben Muster: Beschlüsse der Stadtverord- netenversammlung, die ihm nicht passen, beanstandet er. Verweigert Akteneinsicht. Stadtpolitiker oder Bürger bekommen Unterlassungserklärungen mit fünfstelligen Strafsummen, wenn sie ihn kritisieren. Weisen ihn Landkreis oder Land auf die Rechtslage hin, klagt er, produziert belehrende Rechtsmeinungen. Jeder Einspruch, jede Klage braucht Zeit und Ressourcen, muss überprüft und gewichtet werden. In der Stadt nutzen Claqueure jede Auseinandersetzung als Beweis, dass „die da oben“ schlicht einen aufrichtigen Demokraten be- kämpfen wollten. In ihren Augen gibt es keine Niederlage, jedes Urteil gegen sie lesen sie als politisch motiviert.

Und es gibt einige Urteile während der kräftigen Sprünge auf der Eskalationsleiter. Im Herbst setzt sich der Bürgermeister über die Beschlusslage der Stadtverordnetenversammlung hinweg, reicht eine Haushaltssatzung beim Landkreis ein, die die Kommunalaufsicht schon formal nicht genehmigen kann: Ennullat hatte einen beschlossenen Posten – eine Petitesse um einen Sportplatzgestrichen. Ennullat klagt, geht zum Ministerium für Inneres und Kommunales, für seinen Marsch nach Potsdam lässt er ein Pressefoto machen, neben ihm steht

Foto Red.

der AfD-Fraktionsvorsitzende. Dessen Kriminalakte verzeichnet 51 Einträge: Erpressung, verfassungsfeindliche Zeichen. Das Ministerium weist Ennullat zurück und auf die Rechtslage hin: Als Bürgermeister sei er an Vorgaben der Stadtverordnetenversammlung gebunden. Ennullat klagt. Als Konsequenz hat die Stadt Anwaltskosten und keinen genehmigten Haushalt, kann zu Covid-Zeiten kaum etwas für Gewerbetreibende tun.

Der Versuch, die Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung abzusetzen, hat einen Vorlauf: An seinem letzten Urlaubstag füllt der Bürgermeister einen Aktenordner mit Ausdrucken von Facebook- Chats zu politischen Themen und kopierten Artikeln. Er fasst all das als dienstliche „Beschwerdeakte“ auf, sieht eine „strukturierte und fortdauernde Fürsorgepflichtverletzung“ durch das Präsidium der SVV, es geht ihm um „Persönlichkeitsverletzungen“. Für den Tag hat er sich eigens in den Dienst gesetzt, er versteht all das als amtli- chen Vorgang. Im Ton ganz Ermittler.

Nachdem ihn die Vorsitzende darauf hinweist, dass er Äußerungen im politischen Raum zu ertragen habe und die Beschwerde nach Rechtslage seine private Angelegenheit sei, wendet er sich mit Eingaben nur noch an eine Stellvertreterin „wegen erwiesener Befangenheit“. Vielleicht auch ein Wesenszug: Wer sich von Feinden umzingelt sieht, wird Kläger und Richter zugleich. Als ihm das Präsidium den Aktenordner zurückschickt, misst er nach, stellt fest, dass der Ordner „fünf Zentimeter“ dick, seine Kopie aber auf acht angewachsen sei. Neues Schreiben, im Ton ganz Ermittler, „Manipulation von Personalakten […]. Es dürfte sich um ein Offizialdelikt handeln.“

Sitzungen der Verordnetenversammlung werden zu traurigen Schauspielen. Anfang Mai greift Ennullat nach zwei Stunden in der Turnhalle wieder zum Mikrofon, seine Stimme zittert ein wenig, er will die Veranstaltung verlassen, steht auf, sucht nach Worten, geht einen Schritt, irgendjemand ruft, dass diejenigen, die die Sitzung weiterführen wollten, „die Demokratie mit Füßen“ träten. Der Bürgermeister hält sich an der Behauptung fest, mehr als zwei Stunden seien gesundheitsgefährdend, es geht um Lüftung, Covid, eine Einschätzung des Robert- Koch-Instituts. Noch einmal nimmt er das Mikrofon, unterbricht den nächsten Redner: das Gebaren eines Kindes, das versucht, Empörung nachzuspielen. Hinterher schreibt eine AfD-Abgeordnete im Internet: „Es war [für] mich eine positive Erfahrung zu erleben[,] das[s] man auch mit uns zu- sammen versucht[,] was zu bewirken.“

Fragt man beim Robert-Koch-Institut nach der Stadtverwaltungs-Anfrage, erhält man eine trockene Antwort: Der Herr, mit dem die Stadtverwaltung telefoniert haben will, „ist im RKI nicht bekannt, […] das RKI berät […] generell niemanden im Hinblick auf die Durchführung einer konkreter Veranstaltung, das wäre die Aufgabe des örtlichen Gesundheitsamtes.“

Senol Ince und Dogu Yilmaz haben unterdessen gute Laune: Sie planen ihr Projekt jetzt in Oranienburg. Wurden mit offenen Armen empfangen.

Ein Bürger schreibt mit Blick auf Stadtverordnete, die gegen Ennullats Politik stimmten, ins Netz: „Dies[e] Menschen müsste man aus der Stadt jagen.“ Ennullat versieht den Kommentar mit einem „Gefällt mir“. Sagt dann, er habe sich vertippt.

Das Verwaltungsgericht urteilt, nur das Präsidium der Stadtverordnetenversammlung dürfe die Tagesordnung festlegen. Anfang Juni beschließen die Verordneten mit Zweidrittelmehrheit, Ennullat zu beurlauben. Drei Monate haben sie zur Vorbereitung eines Verfahrens, das den Bürgermeister absetzt. Dagegen klagt Swen Ennullat. Die Stadtverwaltung lehnt es ab, Anwaltskosten der Verordnetenversammlung im Rechtsstreit zu übernehmen.

Vielleicht ist die Demokratie doch vorbereitet. Aber alle, mit denen man spricht, klingen furchtbar erschöpft.

Der Autor

Lennart Laberenz schrieb vor drei Jahren im Freitag über Swen Ennullat (Ausgabe 38/2017). In den vergangenen Monaten hat er regelmäßig in Königs Wusterhausen recherchiert

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